UFR Arts Paris 8, Saint Denis

UFR ARTS PARIS 8 – Frankreich

UFR Arts Paris 8, Saint Denis

UFR Arts Paris 8, Saint Denis © all rights reserved

Die Stadt St Denis im Norden von Paris, welche stark unter dem Abbau ihrer Industiebetriebe gelitten hatte, erlebt seit einigen Jahren eine gezielte Förderung durch die Regierung und der Region „Ile-de-France“. Der Bau des neuen Stadions für die Fussballweltmeisterschaft 1998 mit der seit langem notwendigen Verlängerung der Metrolinie bis zur Universität spielte dabei eine Schlüsselrolle. So entschloss man sich für die Universität von St. Denis ein neues Bibliotheksgebäude zu errichten und erbaute neben der Metrostation eine der grössten Universitätsbibliotheken von Paris.

Der 1998 von den Pariser Architekten Jacques Moussafir und Bernard Dufournet gewonnene Wettbewerb bestand nun daraus in dem Abschnitt der ehemaligen Bibliothek für die „l’Unité de Formation Recherche (UFR) Arts“, der Kunstfakultät, neue Räume für die theoretischen und praktischen Kurse einzurichten.

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Der Universitätskomplex, welcher Ende der siebziger Jahre gebaut wurde, basiert auf einem konstruktiven Raster von 7,20m auf 7,20m, welches gleichmäßig den ganzen Campus überzieht und ein relatif uniformes Bild erzeugt. Die tragende Struktur besteht aus einem einfachen Stützer-Träger System aus Fertigbauteilen, Betondecken und identischen, vorgefertigten Fassadenelementen. Doch erwies sich letztendlich diese Neutralität und Gleichfoermigkeit des einfachen Rasters als Vorteil bei dem Umbau.

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Die ehemalige Bibliothek war über zwei Etagen auf einer beinahe quadratischen Grundfläche mit 35 m Seitenlänge und zwei Seiten Tageslichteinfall in einem dreigeschossigen Gebäudeteil untergebracht. Die bemerkenswerte Tiefe des Gebäudes führt zwangsweise zu einer grossen Kunstlichtzone im Innenbereich, weshalb man sich entschloss die Kunstfakultät mit ihren Projektionsräumen, Montagestudios und TheaterSälen in dieses Gebäude zu legten. Da die Bibliothek nur eine Ecke des Gebäudes einnahm und nur zwei Etagen von drei, war ein Abriss nicht möglich. Auch erwiesen sich die konstruktiven Elemente in gutem Zustand, weshalb man sich entschloss nur die Trennwände und Fassaden zu herauszunehmen.

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Nähert man sich dem Gebäude der Universität, beschleicht einen das Gefühl als ginge irgendetwas merkwürdiges vor. Das gleichförmige Raster und die freigelegten Fassadenelemente strukturieren sichtbar den ganzen Gebäudekomplex, doch an einem Gebäudeteil brechen Boxen und geometrische Formen hervor. Diese erscheinen wie Elemente, welche eine bestehende, ungenutzte Struktur besetzen und ihr neues Leben einhauchen. Die aus rostendem Stahlblechen geformten Fenster scheinen aus dem Inneren des Gebäudes herauszubrechen, als wenn sie eine Öffnung in den freien Raum suchen würden. Grosse Verglasungen bieten Einblicke in die weissen Unterrichtssäle, welche im Bereich des Fenster durch intensive Farben gekennzeichnet sind und bei nächtlicher Beleuchtung diese ein farbiges Mosaik bilden. Hoffnungsvoll blickt man auf die umgebenden, gleichförmigen Fassaden, ob sich dort nicht auch erste Regungen einer Veränderung zeigen.

Tritt man in den Bereich ein, bietet sich ein anderer Eindruck. Die tragende Struktur ist im Inneren fast nicht mehr erkennbar, da vollständig verkleidet. Man kann nicht mehr sqgen, ob man sich in einem Umbau oder Neubau befindet. Der ganze Innenbereich ist durch intensive Farben aufgeteilt. Grau kennzeichnet den Haupterschliessung, die farbigen Zonen die verschiedenen Abschnitte der Fakultät und die Unterrichtssäle sind in Weiß gehalten. Doch fühlt man sich durch die niedrige Deckenhöhe, die reduzierten Erschliessungszonen und das fehlende natürliche Licht etwas eingeengt.

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Den Mangel an Tageslicht und Verbindung mit dem Außenraum versuchen die Architekten mit inneren Fenstern zu kompensieren. Inspiriert von dem Lichtkünstler James Turell sind diese farbig erleuchtet und bieten schemenhafte Blickbeziehungen zwischen den Erschliessungszonen und den Sälen. Die dem Saal zugewanten Verglasungen sind mit einem kolorierten Film halbtransparent gehalten, so dass man Bewegungen erkennt, jedoch keine Details.

In ihren ersten Skizzen lösten sich die Architekten von dem dominanten konstruktiven Raster und setzten die einzelnen Säle versuchsweise in verschieden Winkeln zueinander. Die dabei erzeugten unregelmaessigen Zwischenräume nehmen je nach Größe die Erschliessungen, Nebenräume oder technischen Einrichtungen auf. So entstand ein interessanter, sehr kompakter Grundriss, welche durch das umfangreiche Programm notwendig war und das Ausbrechen einzelner Säle in den Aussenraum, um Platz zu gewinnen.

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Der Innenbereich wirk bewusst labyrintisch. Durch die ungleichen Winkel, Farben, Fenster und Eingänge gleicht kein Ort dem anderen. Jeder Saal ist über eine Zwischenzone, eine Art Schleuse zugänglich. Was bei den akustisch abgeschirmten Räumen eine Notwendigkeit war, wurde bei den anderen Sälen eine Entscheidung der Architekten. Die Perspektive wechselt ständig mit der Bewegung und das etwas beengte Durchwandern wird schliesslich mit dem Betreten der weißen, hellen Säle belohnt.

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Die heutige Realisierung hat im Grundriss fast alles von dem Wettbewerbsentwurf behalten. Die Fassaden waren jedoch im Wettbewerb erst vollständig verglast vorgesehen, bis auf die drei anfaenglich schon herausstehenden Boxen. Auf Anfrage des Bauherren wurden diese weiterbearbeitet und schliesslich durch die geometrischen Formen aus Indaten Stahlblechen als Verlängerung der inneren Fenster ersetzt. Der Entwurf gewann durch die Veränderung an Konsequenz und an Kraft. Es ist schon erstaunlich wie man durch einen geschicken Einsatz von Formen, Materialien und Farben diesen Universitätskomplex verändern kann.

Autor: Christian Horn leitet das Architektur und Planungsbüro rethink

Text veröffentlicht in der Zeitschrift Baumeister, Oktober 2001

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