Les Halles in Paris

Das Forum des Halles in Paris – Frankreich

Entwurfsvorschlag von Jean Nouvel für das Forum des Halles

Entwurfsvorschlag von Jean Nouvel für das Forum des Halles © ARR

Das Forum des Halles steht wieder im Mittelpunkt der Diskussionen, seitdem es der neu gewählte Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë vor zwei Jahren auf seinen Agenda gesetzt hat. Doch hat das kontroverse Projekt seit der Verlagerung des Großmarktes aus dem Stadtzentrum und dem darauffolgenden unglücklichen Abriss der eisernen Markthallen von Victor Baltard im Jahr 1969 diese eigentlich nie richtig verlassen.

Die Schwierigkeiten des Projektes begannen von Anfang an. Denn für dieses Prestigeprojekt im Herzen der Hauptstadt des zentralisierten Frankreich interessierte sich jeder der Rang und Namen hatte. Ein erster städtebaulicher Wettbewerb wurde in den 60er Jahren von dem Präsidenten Charles de Gaulle ausgeschrieben. Ihm folgte 1969 Georges Pompidou, welcher seine eigenen Wettbewerbe für das Centre Pompidou und das Forum des Halles auslobte. Dieser starb jedoch fünf Jahre später und Valéry Giscard D’Estaing wurde 1974 sein Nachfolger, der das Projekt nach seinem Interessen beeinflusste. Dazu kam 1977 die Wahl des ehrgeizigen Politikers Jacques Chirac als Bürgermeister des Stadt Paris, der das Projekt direkt zur Chefsache erklärte. So präsentiert sich das Forum des Halles heute als eine Collage von Großprojekten verschiedener Architekten und Ingenieuren, die von verschiedenen Bauherren unter wechselnden politischen Bedingungen und mit wechselnden Programmen auf einem engen innerstädtischen Raum realisiert worden sind.

Entwurfsvorschlag von MVRDV für das Forum des Halles

Entwurfsvorschlag von MVRDV für das Forum des Halles © ARR

Das 1979 eingeweihte „Forum des Halles“ ist jedoch ein Ausdruck seiner Zeit geworden, in seinen funktionellen und architektonischen Aspekten und einem Vertrauen städtebauliche Probleme durch technischen Möglichkeiten lösen zu können. Es ist einer der wenigen Orte in Paris wo man die Metropole findet und spürt. Ein Ausdruck der Dynamik einer Millionenstadt, die sich allgemein so gerne als eine Ansammlung von überschaubaren, pittoresken Stadtvierteln, wie in Amélie Poulain, präsentiert. Das Projekt war hauptsächlich ein bedeutendes Infrastrukturprojekt im Herzen der Stadt. Ein unterirdischer Bahnhof, in dem sich heute auf dem vierten und fünften Untergeschoss drei Regionallinien (RER) und fünf Metrolinen kreuzen und täglich um die 800 000 Menschen durch die engen Betongänge und Hallen strömen. Eingebunden in einen unterirdischen Komplex, in welchem auf den oberen drei Ebenen das erste Einkaufszentrum Europas mit heute jährlich 40 Millionen Kunden und 70 000 m2 Fläche gelegt wurde und welcher später mit einem zweiten Teil aus verschiedenen öffentlichen Einrichtungen erweitert wurde.

Ende der 60er Jahre wurde die Verlagerung des Großmarktes aus dem Stadtzentrum aus hygienischen und städtebaulichen Gründen unvermeidbar. Der Ausbau der Regional- und Métrolinien sollte die Entwicklung der Stadt Paris und die Konstruktion der Villes nouvelles begleiten und das Projekt eines unterirdischen Knotenpunktes wurde eines der Hauptargumente für den Abriss der Markthallen von Victor Baltard. Doch zeigen die schon vorher unter dem Arc de Triomphe und der Oper Garnier gebauten Metro und RER Stationen, ohne diese abzureißen, dass es wohl ein weitgehend politisch motivierter Akt war. Es ging darum ein Zeichen zu setzten und eine Seite der Geschichte umzudrehen. Das neue Projekt des „Forum des Halles“ sollte ein gebautes Beispiel der Zukunft werden. Modern, elegant, funktional sollte es das marode Zentrum von Paris aufbrechen, durchlüften und die wachsende Peripherie, sowie das neue Geschäftsviertel La Défense mit der Pariser Innenstadt verbinden.

OMA Enwurf für das Forum des Halles

OMA Enwurf für das Forum des Halles, Schnitt © ARR

Zusammen mit dem Projekt des Centre Pompidou, 1977 in unmittelbarer Nachbarschaft fertiggestellt, wurde ein größerer Teil der umgebenden, im oft unbewohnbaren Zustand befindlichen Wohnungsbauten abgerissen und neu errichtet. Das Gesamte Viertel sollte modernisiert werden. Die Architekten Renzo Piano und Richard Rogers hatten das Centre Pompidou als kommunizierende Maschine geplant. Mit seiner gesamten Infrastruktur sichtbar auf der Außenseite und einem großen öffentlichen Vorplatz sucht das Gebäude die Beziehung mit seiner Umgebung. Auch wenn es um seine Architektur immer noch Diskussionen gibt, hat es sich hervorragend in die Stadt eingefügt. Das Projekt des „Forum des Halles“ von den Architekten Claude Vasconi et Georges Penchréach mit den überirdischen Pavillons von dem Architekten Jean Willerwal hat es hingegen nie geschafft einen Bezug zu seiner Umgebung aufzubauen und dies ist sein hauptsächliches Makel. Größtenteils eingegraben ist es isoliert von seiner Umgebung geblieben und auf sich selber konzentriert. Es scheint mehr mit den Pariser Vororten verbunden als mit seiner unmittelbaren Umgebung. Die Überlagerung der verschiedenen Projekte ohne ein gemeinsames Konzept hat auf der Oberfläche eine Aneinanderreihung von Orten ohne Bezug zueinander erzeugt und besonders die Berührungspunkte zwischen dem Forum und der Umgebung hinterlassen den Eindruck, dass das Projekt niemals richtig beendet wurde.

OMA Enwurf für das Forum des Halles

OMA Enwurf für das Forum des Halles, Schnitt © ARR

Seit seiner Eröffnung hat der unterirdische Teil des Forum des Halles jedoch seine Rolle aus funktioneller und sozialer Sicht erfüllt. Der Verkehrsknotenpunkt hat die Stadt, die Vororten und über den Anschluss an die Flughäfen ganz Frankreich mit dem Zentrum von Paris verbunden und das erste Einkaufzentrum Europas wurde durch seine Lage kommerziell ein Erfolg. Doch besonders auf sozialer Ebene hat sich das Forum als erfolgreicher erwiesen, als anfangs gedacht. Geplant als eher luxiöses Einkaufszentrums für die besser verdienende Mittelschicht hat es sich im Laufe der Jahre den gesamten Gesellschaftsschichten geöffnet und ist zum dem Treffpunkt von Paris und seinen Vororten geworden. Auch die Jugendlichen der Peripherie, die in dem oberirdischen Paris oft unerwünscht sind, haben sich das Forum des Halles als Treffpunkt gewählt. Vielleicht da sie in der Architektur ein Stück Peripherie im Zentrum von Paris finden.

Doch haben sich in den letzten Jahren die konstruktiven und funktionellen Probleme gehäuft. Die 1986 auf der Oberfläche fertig gestellten Pavillons Willerwals waren schlecht gebaut, sind schlecht gealtert und haben eigentlich nie richtig funktioniert. Mangelhaft isoliert und undicht sind sie heute zum großen Teil unbenutzbar. Der Park und sein fragmentiertes Design ließen den Wunsch nach einer mehr zusammenhängenden und übersichtlicheren Grünfläche offen und die Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt beschränken sich auf ein paar Rolltreppen, die im Untergrund verschwinden. Die Untergeschosse selber sind zu labyrinthisch und schwierig zu überwachen.

OMA Enwurf für das Forum des Halles

OMA Enwurf für das Forum des Halles, Schnitt © ARR

Worum geht es jetzt eigentlich bei dem neuen Wettbewerb? Es ist kein neues Projekt, sondern schließt dort an, wo man in den achtziger Jahre aufgehört hat. Es geht um ein architektonisches Lifting, darum die Verbindung der Oberfläche mit den unterirdischen Anlagen zu verbessern. Das existierende Programm aus Verkehrsknotenpunkt, Kommerz, öffentlichen Einrichtungen und Park wird nicht in Frage gestellt. Doch die Stadt möchte diese auf fünf Untergeschossen aufeinander gestapelte Konzentration der städtischen Funktionen, entflechten und zugänglicher machen, die Funktionen neu verteilen und neue Beziehung zu der Umgebung knüpfen. In wie weit man dabei auf die etwas schizophrenen 8000 Anwohner, die im Zentrum einer Millionenstadt wohnen wollen und sich nach dem romantisierten Lebensgefühl der 50er Jahre sehnen, Rücksicht nimmt, oder ob man das zukünftige Forum des Halles weiter dynamischen urban Raum definiert bleibt abzuwarten. Dass der Bürgermeister Bertrand Delanoë sich durch das Projekt wiederum politisch in Szene setzten will und seine Wiederwahl vorbereiten, liegt in der Tradition der großen Projekte Frankreichs und dies vereinfacht die ganze Sache natürlich nicht.

Autor: Christian Horn leitet das Architektur und Planungsbüro rethink

Text veröffentlicht in der Deutschen Bauzeitung, 01/2005

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