Die entkleideten Ausstellungsräume im Palais de Tokyo

Der Palais de Tokyo in Paris – Frankreich

Neuntausend Quadratmeter stehen im Westflügel des Palais de Tokyo für "transdisziplinäre" Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zur Verfügung

Neuntausend Quadratmeter stehen im Westflügel des Palais de Tokyo für “transdisziplinäre” Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zur Verfügung © Marc Domage / Tutti

Auf diese Eröffnung hatte halb Paris gewartet. Seit Januar 2002 besitzt die Stadt mit dem Palais de Tokyo einen neuen Ort der zeitgenössischen Kunst. Der Seitenflügel des zur Weltausstellung 1937 errichteten Gebäudes ist seit einiger Zeit der Hoffnungsträger der zeitgenössischen, aktuelle, Kunst und gilt als Rettung des weitgehend eingeschlafenen französischen Museumsbetriebs.

„Transdisziplinär“, beschreibt Nicolas Bourriaud, einer der beiden jungen Direktoren des Palais de Tokyo, das Programm. „Nicht multidisziplinär wie im Centre Pompidou, wo die Bilder schön säuberlich von Design oder Film getrennt sind. Wir wollen Installationen, Videos, Filme und Mode im Kontakt und Austausch zeigen”. Eine Kunstfabrik ist geplant, ein transparentes Labor, bereit für alle Arten von Experimenten und offen für alle Richtungen der Kunst.

Doch neben dem Programm ist auch der Ort einmalig in Paris. Durch einen geschickten Hinweis auf den Platz „Djemaa el-Fna“ in Marrakesch gewannen die Architekten Anne Lacaton (1955) und Jean Philippe Vassal (1954) 1998 den Wettbewerb. „Wir hatten den berühmten Platz Djemaa el-Fna in Marrakesch vor Augen mit dem idealen Kunstchaos, das dort herrscht. Die Menschen müssen zirkulieren, spontan kommen und gehen, sich in jedem Moment zu unerwarteten Entscheidungen ermutigt fühlen“. Durch das geringe Budget beschränken Sie sich bei zur Umgestaltung des Gebäudes auf das Notwendige und versuchten Ihre Eingriffe so unscheinbar wie möglich zu halten. Die Arbeit der Architekten begründet sich seit einiger Zeit auf ihren Überlegungen und Forschungen nach einer kostengünstigen Architektur. Doch ihre Architektur “mit geringen Kosten” heißt nicht arm, sondern ist einfach auf das Wesentliche konzentriert (siehe z.b. Cafe Una in Wien, B11/01).

Die entkleideten Ausstellungsräume im Palais de Tokyo

Die entkleideten Ausstellungsräume im Palais de Tokyo © Marc Domage / Tutti

Das Projekt sollte auch den seltsamen Wettbewerb von 1994 vergessen lassen. Der Architekt Frank Hammoutène war damals beauftragt worden, das Gebäude für das Projekt der Cinémathèque, welches nun in dem Centre American geplant ist (siehe B1/01), zu verdunkeln. Ein Gebäude, welches im Jahre 1937 durch Dondel, Aubert, Viard und Dastugue gebaut wurde, um möglichst viel Licht einzufangen. Man begann die Räume von Dekorationen und abgehängten Decken freizulegen und 80 Millionen Francs wurden für dieses wunderbare Aushöhlen ausgegeben, bis die Schwächen im Ursprungsbetons entdeckt wurden und man die Arbeiten einstellte.

Das neue Projekt des „Palais de Tokyo“ betrifft im Moment nur 8700 m2 der 20000 m2 des Seitenflügels. Darunter 3000 m2 für die Ausstellungen, 4000 m2 für den “öffentlichen Raums“ und 2000 m2 für die Nebenräume. Zweimal weniger Raum und zehnmal weniger Mittel (3,1 Millionen Euros) als vor 8 Jahren, da dieses Projekt eigentlich nur als eine temporäre Lösung gilt.

Die entkleideten Ausstellungsräume im Palais de Tokyo

Die entkleideten Ausstellungsräume im Palais de Tokyo © Marc Domage / Tutti

So wurde nicht das geringste Loch gefüllt oder der geringsten Quadratzentimeter in dieser großen Halle gestrichen, denn durch einen noch so kleinen Eingriff wäre man in die Maschinerie der Renovierung hineingerutscht. Auch wenn die Architekten nicht die ersten sind, die mit dem Konzept des unprogrammierten, unfertigen Raumes gearbeitet haben, wurde doch ein Gebäude noch nie in einem so prächtigen Rohzustand gelassen. Alles ist im neuen Palast von Tokio möglich: malen, Bildhauerei, ausstellen, sich einrichten, zu essen, zu spielen, zu plaudern. Es gibt wenig unter den hohen, wiederentdeckten Glaskuppeln zu beschädigen. Der Boden ist fleckig, die Mauern ebenso. Es reicht jedoch zu sehen, wie die neuen Stege zu der Avenue Winston-Churchill entworfen und angebracht sind und wie die neuen Fluchttreppen zur Rue de la Manutention gestaltet sind, um sich überzeugen zu lassen, das Lacaton und Vassal nicht nur den Rohbau beherrschen.

Autor: Christian Horn leitet das Architektur und Planungsbüro rethink

Text veröffentlicht in der Zeitschrift Baumeister, 03/2002

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