Atelier Renault in Paris

L’Atelier Renault – Frankreich

Atelier Renault in Paris

Atelier Renault in Paris © Olivier Martin-Gambier

Renault ist bereits seit den neunziger Jahren auf den Champs-Elysées präsent. 1911 richtet sich der Automobilhersteller unter der Hausnummer 51 hier ein und ist damit der Erste aus der Branche, der an der berühmten Avenue seinen Sitz hat. Zwanzig Jahre später übernimmt der Konzern auch noch das Erdgeschoss der angrenzenden Nummer 53 und verbindet beide Gebäude durch eine große Ausstellungshalle. Diese wird im Jahr 1963 umgebaut und um den „Pub Renault“ ergänzt. Das damals neue Konzept, neben einem Ausstellungs- und Verkaufsbereich auch ein Restaurant mit Bar einzurichten, liess den Pub in den folgenden Jahren zu einem der bekanntesten Treffpunkte an der Avenue werden.

Ende der neunziger Jahre entsprach die Innenraumgestaltung jedoch nicht mehr dem Image, welches der Konzern nunmehr für sich entwickelt hatte. Es wurde daher für die Räume eine neues Programm erarbeitet und ein Wettbewerb ausgelobten, den der Pariser Architekt Franck Hammoutène gewann. Der alte „Pub Renault“ wurde geschlossen und nach 18-monatiger Bauzeit wurden die Räume Ende September 2000 unter dem neuen Namen „L’Atelier Renault“ wieder eröffnet.

Atelier Renault in Paris

Atelier Renault in Paris © Olivier Martin-Gambier

Der Showroom wirkt wie eine langgestreckte Box, die sich von den Champs-Elysées über zwei Geschosse tief in das Gebäude hineinschiebt. Der seitliche und hintere Bereich wurde für die Küche und Nebenräume der Restauration sowie für Büros und Besprechungsräume abgetrennt. Beim restlichen Innenraum verzichstete man auf Zwischenwände. Er ist mit einer Gesamtfläche von 1400 Quadratmetern auf beiden Geschossen für die Öffentlichkeit zugänglich. Die 850 Quadratmeter im Erdgeschoss dienen hauptsächlich als Ausstellungsbereich, die 550 Quadratmeter der oberen Ebene der Gastronomie mit einem grossen geschwungenen Bartresen.

Eine leicht konkav gekrümmte Glasfassade schließt die zweigeschossige Öffnung zur Strasse. Sie besteht aus in sich gebogenen punktgehaltenen Glaspflächen, die durch horizontale und vertikale Drahtseile verspannt sind. Die vorhandene Bausubstanz erwies sich nach den Prüfungen der Statiker als nicht stark genug, um die Zugkräfte der Seile aufzunehmen. Daher wurden in die Wände, in den Boden und in die Decke Stahlträger eingelassen, welche zu einem Rahmen verbunden wurden, der die Glasfassade mit der Tragkonstruktion aufnimmt.

Atelier Renault in Paris

Atelier Renault in Paris © Olivier Martin-Gambier

Das Restaurant und die Bar sind für bis zu 170 Besuchern ausgelegt. Weitere 40 Personen können im Erdgeschoss Platz finden. Im Sommer sind 80 Sitzplätze auf den Champs-Elysées vorgesehen. Die Flächen des Obergeschosses liegen zu beiden Seiten des Ausstellungsraumes und werden über fünf Stege miteinander verbunden. Die Stege sind – bis auf den ersten, hoch oben hinter der Glasfassade liegenden – höhenverstellbar. Wenn es Ausstellungen und Aufführungen erfordern, können diese über Rollen und Drahtseile bis dicht unter die Decke gezogen werden, wodurch den Innenraum visuell vergrößert wird. Die Stege strukturieren den Innenraum und verleihen ihm besonders im Eingangsbereich einen fast schon labyrinthischen Charakter mit interessanten Blickwinkeln. Die Brüstungen der Stege und Flächen im Obergeschossbestehen aus doppelten Sicherheitsglasscheiben, die im Bodenbereich eingespannt sind.

Die Geschosshöhe des Innenraumes beträgt acht Meter im Eingangsbereich und geht im hinteren Ausstellungsbereich auf 6,20 m im herunter. Der Boden des Erdgeschosses wurde in glattem Sichtbeton gegossen und die Wände und Decken sind Paneelen aus amerikanischen Ulmenholz verkleidet. Ein Teil der Möbel wurde von dem Architekten entworfen. Sessel gruppieren sich neben der Bar um niedrige Tische, im Restaurant bilden Stahlgeflecht-Stühle und runde Glastische ein leichtes und filigranes Mobiliar.

Atelier Renault in Paris

Atelier Renault in Paris © Philippe Ruault

Der Hauptteil des Innenraumes wird von einer alle drei bis vier Monate wechselnden Ausstellungen eingenommen. Zur Eröffnung präsentierte Renault sein Automodel „Avantime“ in dem Universum, in welchem ein Monsieur Avantime als Besitzer des Wagens lebt oder leben könnte. Um dessen Welt darzustellen, wurde der Innenraum von dem französischen Designer Christophe Pillet als Wohnung gestaltet – als Wohnung eines modernen Menschen, eines Kunstliebhabers, begeistert auch von den neuen Technologien, der sich aber nicht in gängige Kategorien einordnen lässt. Als imaginäres Loft gliedert sie sich in einen Garten, einen Empfangsraum, ein Wohnzimmer und in einen Ausstellungsraum, in dem die Werke des isländischen Künstlers Erro ausgestellt werden.

In dem gesamten Raum wurden bei der Eröffnung nur zwei Fahrzeuge des gleichen Modells präsentiert. Renault stellt sich nicht mehr als einfacher Automobilhersteller vor, sondern möchte das Synonym für eine Lebensart werden. Eine Lebensart, die statt mit der Geschwindigkeit und fahrzeugtechnischen Einzelheiten in Zusammenhang mit weitaus „weicheren Werten“ wie Kunstverständnis, Design und Mode gesehen werden will. So präsentiert sich die Innenarchitektur von Hammoutène elegant, ruhig und zurückhaltend und bildet vor allem den Rahmen für die Wechselausstellungen. Im Ganzen erscheint das Atelier eher klassisch, ein Eindruck, der vor allem durch die dominierende Verkleidung aus Ulmenholz erzeugt wird. Dem Besucher fällt es nicht leicht, sich den Raum anzueignen. Er ist zu elegant, zu durchdacht und lässt wenig Platz für Spielerisches. Die Avenue des Champs-Elysées wird als eine der bekanntesten Flaniermeilen der Welt mehr und mehr zu einem Ort miteinander konkurrierenden Shows hinter grossen Glasvitrinen, die die Promenierenden anlocken sollen. Es werden die zukünftigen Events und Ausstellungen sein, die über den Erfolg des Atelier Renault entscheiden werden.

Autor: Christian Horn leitet das Architektur und Planungsbüro rethink

Texte veröffentlicht in der Zeitschrift Bauwelt, N°5/2001

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