Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der "Snake" Kunstgalerie

Snake, eine Kunstgalerie in Paris – Frankreich

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der "Snake" Kunstgalerie

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der “Snake” Kunstgalerie © R&Sie(n)

Das Projekt begann mysteriös. Im Dezember 2000 erhielt das Pariser Architekturbüro R&Sie… den Anruf eines Unbekannten, der sich als „südamerikanischer Kunstsammler“ präsentierte. Die Kontaktaufnahme fand über ein Mobiltelefon statt und der Unbekannte lud die Architekten zu einem Wettbewerb für den Bau einer privaten, versteckt liegende Kunstgalerie im Paris ein. Da er seine Identität nicht preisgeben wollte, erhielt er während des Projektes von den Architekten das Pseudonym „De la Vega“ nach der Romanfigur des „Zorro“.

Die absolute Anonymität des Kunden und die Geheimhaltung der genauen Adresse der Galerie gegenüber Außenstehenden begleitet das gesamte Projekt. Auch eine Besichtigung der Räume nicht möglich, um die genaue Lage des Projektes vorerst nicht preiszugeben, und die Wettbewerbsunterlagen, bestehend aus Photos und Plänen wurden den Architekten anonym zugeschickt.

De la Vega erwies sich als ein Art von Kunstsammler, der es vermeiden will als solcher bekannt zu werden und den es nicht interessiert die Werke der Öffentlichkeit zu zeigen. So brauchte er eine private Galerie in Paris, um seine Sammlung einem kleinen Kreis von geladenen Personen zugänglich zu machen. Und durch auch diese Kreise der Kunstliebhaber war er auf die Arbeit von François Roche und Stephanie Lavauv, den Partner von R&Sie aufmerksam geworden.

Die Architekten können sich im Folgenden gegen die anderen beiden eingeladen Büros durchsetzten und den Wettbewerb mit ihrer Konzeption für sich entscheiden. Im März 2001 beauftragt der Bauherr das Büro R&Sie… mit der Ausarbeitung und Realisation ihres Entwurfes. Das Programm des Projektes ähnelte dem klassischen Raumprogramm einer Kunstgalerie und fragte nach einen Lagerraum für die Sammlung, einen Ausstellungsbereich und einen, jedoch vergrößerten, Wohnbereich mit Küche und Sanitärbereich, der kurzzeitige Aufenthalte ermögliche sollte.

Für seine Galerie, hatte De la Vega einen ehemaligen Lagerraum im 10. Arrondissement von Paris erworben, welcher sich, vollkommen umbaut und nicht einsehbar, abgetrennt im rückwärtigen Bereich eines Hinterhofs befindet. Die Baugenehmigung für das Projekt wurde im November 2001 erteilt und die Arbeiten begannen sechs Monate später, da es den Architekten schwer fiel die richtigen Bauunternehmen für ihr außergewöhnliches Projekt zu finden. Die Übergabe der Galerie erfolgte in März 2003.

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der "Snake" Kunstgalerie

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der “Snake” Kunstgalerie © R&Sie(n)

Der Kontakt mit De la Vega blieb während des gesamten Projektes auf das Notwendigste begrenzt, und indem er den Architekten schon in der Wettbewerbsphase kaum funktionellen oder gestalterischen Rahmenbedingungen setzt, zwangt er diese ihr eigenes Szenario zu entwickeln. François Roche schaffte es von dieser seltenen Freiheit zu profitieren und integriert verschiedenste Assoziationen in den Entwurf.

Inspiriert von den Bars und Spielcasinos der 30er Jahre in Chicago, tarnt er die Ausstellungen und führt den Zugang der Galerie zuerst durch das Lager der Kunstsammlung und kontrastiert den im Rohzustand gelassene und mit Kisten gefüllten Lagerraum mit dem Galerie- und Wohnbereich. Betritt man diesen hintern Bereich, ist man erstmal überrascht. Wie ein Tier unter die Haut, schiebt sich die skulpturale Form des Wohnbereiches unter die Farbschicht. Langsam beult sie diese entlang der Wand weiter aus, löst sich ab und erstreckt sich mit einer schlängelnden Bewegung frei in den Raum. Komplett in weiß gehalten verwirrt der diffus von oben beleuchtete Raum die Sinne. Formen und Distanzen verwischen sich und sind kaum abzuschätzen. In dem leeren, gerade fertig gestellten Raum sucht man verzweifelt einen „störenden“, farbigen Punkt um sich visuell festzuhalten.

In Referenz zu der Idee des „White Cube“, Symbol der Delokalisierung, der es ab der 50er Jahre den Galerien und Museen ermöglichte die Kunstwerke vom ihrem geographischen Ort zu trennen und damit international auszustellen und zu verkaufen, überzog François Roche die gesamte Galerie, Decken, Wände und Möbel in weiß. Doch das Weiß ist hier nicht nur als eine Farbe zu sehen, sondern soll einen Raum erzeugen, in der die Kunstwerke und die Benutzer zu Akteuren werden und in Referenz zu dem Film „Pleasentville“ von Gary Ross in dem Raum ihre Spuren hinterlassen, ihn mit ihrer Anwesenheit verändern und kolorieren. Kompromisslos zwingt es den Bewohner sich mit diesen Spuren seines Lebens auseinander zusetzten, sie zu akzeptieren oder durch ständigen Säuberns und Streichen zu bekämpfen.

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der "Snake" Kunstgalerie

Der in weiß gehaltene Ausstellungsraum der “Snake” Kunstgalerie © R&Sie(n)

In den Projekten von R&Sie… findet man öfters die Konfrontation zwischen einem orthogonalen System und einer freien Form, wie bei dem letztens fertig gestellten Maison Barak. Denn es ist nicht die Form selbst, die das Büro interessiert, sondern die Überlagerung von zwei Systemen und die entstehenden Zwischenräume. Bei dem Projekt der Kunstgalerie trennen die gekrümmten Wände den Wohnbereich nicht vollständig von Ausstellungsbereich ab. Der Wohnbereich ist immer noch Teil der Galerie und bewegt sich in ihr. Er bleibt Teil des kontinuierlichen Raumes. Die skulpturale Form, welche Küche, Sanitär und Schlafbereiche aufnimmt, ermöglicht es die Kontakt- und Reibungsfläche zwischen dem Ausstellungs- und Wohnbereich zu vergrößern und beide Zonen ohne direkte Sichtverbindungen zu verknüpften. Vom Inneren des Wohnbereiches spürt und hört man die Präsenz der Galerie ohne die Intimität des Privatbereiches zu verlieren.

Es ist aber auch eine Arbeitet über den visuellen und realen Raum. Denn die Konfrontation zwischen den gekrümmten und den rechteckigen Wänden im realen Raum wird wiederum durch den durchgehend weißen Anstrich im visuellen Raum verwischt. Vielleicht ist es auch dieses Element, welches der Galerie so verwirrend erscheinen lässt. Eine Diskussion zwischen Auge und Körper über die wahre Form des Raumes, denn auch die Schlange erscheint wiederum länger, wenn man sie von innen durchläuft als wenn man sie von außen betrachtet.

Der Baukosten des Projektes betrugen etwa 760000 Euros, wobei die grundlegenden Renovierungsarbeiten alleine schon etwa 3/4 der Baukosten einnahmen. Während diese Standartarbeiten an eine normale Baufirma vergeben wurden, führte Christian Hubert Deliste, hauptsächlich Konstrukteur von Künstlerinstallationen, den Entwurf der sich in den Raum windenden Form aus. Christian Hubert Deliste leitet ein Unternehmen, welches sich auf außergewöhnliche Projekte spezialisiert hat und diese mit Handwerkern aus der Theater, Bühnen und Kunstwelt durchführt.

Grundriss der Galerie

Grundriss der Galerie © R&Sie(n)

Die Schlange ruht auf einer Stahlkonstruktion, auf der in 20 bis 50 cm Abstand vertikal angeordnete, von Hand zugeschnittene Holzplatten sitzen, die das Skelett bilden. Ein im Gartenbau verwendetes Kunststoffgewebe überzieht die Platten, auf die der Gips und Kunstharz aufgetragen wurde. Die Decke besteht aus einer gespannten Folie, die das natürliche und künstliche Licht der Dachstruktur diffus filtert. In den Bereich zwischen der Folie und der Glasabdeckung des Daches ist die technische Ausstattung für Licht, Wärme und Ton installiert, während eine Fußbodenheizung eine konstante Grundtemperatur von etwa 15°C gewährleistet.

François Roche verfolgt mit diesem Projekt seinen Weg in der experimentellen Architektur. Er erzeugte einen der außergewöhnlichsten Räume von Paris, der leider nur einem kleinen Kreis von Leuten zugänglich sein. Es ist keine Architektur der technischen Entwicklung, geschickter Details oder ökologischer Aspekte. Es sind mehr Fragen sozialer Natur, wie die Beziehung zwischen dem Raum, seinem Benutzer und den Spuren seiner Benutzung, der Grenzen zwischen verschieden Funktionen und der Wahrnehmung des Raumes, die François Roche mit seiner Arbeit aufwirft und zu beantworten lässt.

Autor: Christian Horn leitet das Architektur und Planungsbüro rethink

Do not hesitate to share this post
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail